schwelle 7
 
 
Man schleicht sich an.
Unterwegs im UNITED KINGDOM, von Paul Hasler, Oktober 2006
 
Man schleicht sich an. Nicht weil man nicht den nötigen Mut dazu aufbringen würde, sondern weil es schläft und nicht geweckt sondern verzaubert werden will. Es sind die Augen, die alles auffangen und von etwas erzählt bekommen, das wir alle kennen und doch nicht mehr erleben dürfen. Herausgefallen aus der Gesellschaft fristet die Sinnlichkeit ein Dasein in einem Sanatorium oder Glaskasten.
 
Ich verführe, aber es bleibt unklar, gefährlich. Natürlich ist es eine Einladung, aber wozu? In einer Welt, die handelt, sind Verführungen suspekt und Gefühle gefährlich. Vorsichtig branden sie an den Rändern eines Gesichtes, das mich anblickt, nach mir sucht und immer wieder zu sich selber kehrt, um zu fragen, ob es Traum oder Realität ist. Ich bestehe darauf, dass es beides ist.
 
Ich führe die ausgewählte Person sachte durch den Raum. Er hat sich offenbar verwandelt, das Theater und die Tribüne sind schon gute zwanzig Meter zurückgewichen und mit jedem gemeinsamen Schritt werden es mehr. Wir nähern uns der ersten Transformation, der Frage nach einem neuen Schein in neuen Kleidern. Heiterkeit umgibt uns, aber nicht für lange; Kleider haben eine viel zu starke Magie, als man darüber lachen könnte. Es sind ernste Gesichter, die mir aus dem kleinen Vorhang entgegentreten, den Körper in ein Opfergewand für einen unbekannten Gott gehüllt.
 
Es ist eine Mischung aus Zurückgehen und vorwärts. Das Sakrale umgibt uns alle, wohl auch die, die nie zur Kirche gingen. Wir sind sakral. Wir möchten es sein. Wie ein halb verheiratetes Paar beschreiten wir den Zeremonienraum, gehen einen imaginären Streifen Weg ab, der nun uns gehört, der verführerisch, suspekt, unscharf vor uns liegt. Die Königin strahlt eine feines Summen aus. Man darf sie nicht anblicken. Niemals. Es sei denn, man werde gefragt.
 
Ein Stuhl, Definitivum aus der realen Welt; hier wird er zum Opferstein, auf den ich sie setze. Es ist diese feine Verschmelzung aus Ort und Fleisch, die das Hinsetzen zur Initiation macht. Niemand könnte jetzt noch sagen, dass es Zufall war. Es soll geschehen. Die Zeremonie kann beginnen.
Zusammen mit der Musik lassen wir uns wegtragen von ersten Berührungen. Sie sind vielleicht beiläufig, entspannend, wie ich gerade Lust habe. So, wie ich die Person trage, will ich sie auch fallenlassen können. Ich bin nicht ihr Babysitter. Ich bin auch nicht ihr Guru. In meinem Gesicht schwingt diese leichte Portion Missbrauch mit, die so oder so eintreten wird, allein das bin ich dem Königreich und mir schuldig. Wir sind keine Mission, wir sind ein Unort, eine reine Spiegelung. Wir verpacken Gefühle.
 
Irgendwann stehe ich hinter ihr. Meine Hand greift nach ihrem Kopf und hält inne bevor sie ihn erreicht. Was habe ich in der Hand? Beide wissen wir, dass ich etwas halte. Was ist es? Ihre Unversehrtheit? Ihre gute Erziehung? Hätte sie nie hierherkommen sollen? Sie weiss es nicht und ihre Haltung weicht aus, ohne dass sie sich bewegen könnte. Die Hand ist ihr zu nah und doch zu fern. Langsam gibt sie sich hin.
 
Ich führe sie durch den Raum. Der königliche Ballsaal ist in Aufruhr, Menschen breiten sich zu unseren Füssen aus, wälzen sich hinweg, kommen auf uns zu. Wir halten unsere Hände und ich nehme ihre Schulter unter meinen Arm. Bin ich ihr Freund? Und wer sind all die Kreaturen? Irgendwo erschallt ein primitives Gelächter und der Hofnarr greift nach einem Rock. Vor uns schweben Augenpaare, die uns verfolgen, uns mustern, kleine unhörbare Fragen stellen. Auf welche sollen wir antworten? Haben wir selber eine Frage?
 
Nacktheit zerschneidet den Raum und legt Ängste frei. Jemand wird geschlagen. Eine Frau in hohen Stiefeln weiss, was sie will und gibt es ihm nicht. Ist sie ein sicherer Wert? Der Boden scheint schwammig hier und die Bar ein kleiner Fels in der Wüste.
Ich lasse sie warten, kniend, den Blick nach unten gesenkt. Ein Paar liegt vor ihr und blickt sie an. Ist sie mein Opfer? Sie wirkt scheu und sehr schön. Und wo bin ich hingegangen? Werde ich ihr weh tun? Die Zeit wird wirr in diesem Umfeld, und auch mein Lächeln scheint sich verändert zu haben.
 
 
 
 
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